Lava fließt im November 2021 aus dem Vulkan auf der Kanareninsel La Palma.

La Palma (dpa) – Aus den beiden rotweißen Schloten des Kraftwerks Los Guinchos auf La Palma quillt grauer Rauch und wabert in Richtung grüner Berghänge am Ostrand der spanischen Kanareninsel. Es sind die Abgase der Dieselmotoren, die gut 90 Prozent des Bedarfs an elektrischer Energie der Atlantikinsel mit rund 83.000 Einwohnern vor der Küste Westafrikas erzeugen. Fast 60.000 Tonnen Diesel und Heizöl wurden 2020 verbrannt, um die Insel tagsüber mit rund 35 Megawatt und nachts mit 20 MW zu versorgen. Pro Jahr bedeutet das CO2-Emissionen von rund 160 Millionen Kilogramm, was in etwa dem Jahresausstoß von 34.000 mit Öl beheizten Einfamilienhäusern in Nordeuropa entspricht. Nur wenige Windkraftanlagen und vereinzelte Photovoltaikanlagen auf Hausdächern erzeugen grünen Strom, knapp zehn Prozent.

Und das, obwohl es auf der Vulkaninsel reichlich Sonne – 3000 Stunden pro Jahr und damit fast doppelt so viel wie in Deutschland – viel Wind und vor allem Erdwärme im Überfluss gibt. Geologen sind sich sicher, dass der gesamte Energiebedarf der Insel künftig durch Erdwärme gedeckt werden könnte. Sogar der Export von Energie in Form grünen Wasserstoffs, der mit erneuerbaren Energien erzeugt wird, wäre möglich.

Autos dürfen auf Behelfspiste nicht halten

«La Palma ist die Kanareninsel, die am besten für die Nutzung geothermischer Energie für die Stromproduktion geeignet ist», sagt der auf Geothermie spezialisierte Bergbauingenieur Celestino García von Spaniens nationalem Institut für Geologie und Bergbau IGME. Aber auch andere der insgesamt acht bewohnten Kanareninseln hätten ein großes Potenzial. Alle sind vulkanischen Ursprungs. Auf La Palma ist die Hitze unterhalb des erst im Dezember erloschenen Vulkans Tajogaite auch an der Oberfläche stellenweise noch so hoch, dass Autos auf einer gerade erst angelegten Behelfspiste über das Lavafeld nicht anhalten dürfen, da sonst die Reifen Schaden nehmen könnten.

Die Regionalregierung der autonomen Gemeinschaft der Kanaren hat für La Palma sowie die größeren Nachbarinseln Gran Canaria und Teneriffa gerade je 30 Millionen Euro für die Erkundung von Erdwärme zur Verfügung gestellt. Die Gelder stammen aus dem Corona-Wiederaufbaufonds «Next Generation EU» in Höhe von mehr als 800 Milliarden Euro, von denen die Kanaren rund 466 Millionen Euro erhalten. Mit Probebohrungen soll erkundet werden, wo sich der Bau von Kraftwerken lohnt, die wie auf Island Erdwärme mit Dampfturbinen in Strom umwandeln.

170 Grad in gerade mal zwei Metern Tiefe

Ganz anders funktioniert ein System, das gerade an der Universität von Navarra entwickelt wird. Eine Forschungsgruppe hat einen sogenannten Thermogenerator patentiert, der – sehr vereinfacht ausgedrückt – Wärme direkt in Strom umwandelt. Und das ohne bewegliche Teile, also praktisch ohne Verschleiß und Wartung. «Wir haben auf (der Kanareninsel) Lanzarote ein Versuchsgerät im Nationalpark Timanfaya aufgebaut und sehr gute Ergebnisse erzielt», sagt Professor David Astrain, Leiter der Forschungsgruppe. Nach einem Vulkanausbruch im Jahr 1730 ist der Boden dort immer noch schon in zwei Metern Tiefe 170 Grad heiß. Die Probeanlage hat zwar nur eine Leistung von 35 Watt, aber die Technologie könnte bald schon in viel größerem Maßstab angewendet werden, hofft Astrain.

Auch der Energieexperte Lionel Torres Rodríguez sieht das Potenzial der Geothermie auf La Palma. Aber der Teufel liegt im Detail. «Wir stehen unter großem Zeitdruck», sagt der Ingenieur, der bei der Gesellschaft für die Entwicklung der Insel Sodepal im Auftrag des Inselamts für Energie arbeitet. Spaniens ambitionierter nationaler Energie- und Klimaplan sieht eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes bis 2030 um 23 Prozent im Vergleich zu 1990 vor. «Bei der Geothermie rechnen wir mit zwei Jahren Planung, zwei Jahren Erkundung mit Tiefenbohrungen und weiteren eineinhalb Jahren für den Bau eines Geothermiekraftwerks», sagt der Experte. «Wenn alles richtig perfekt läuft», fügt er hinzu, aber das sei eigentlich nie der Fall.

Um das Klimaziel zu erreichen, plädiert er deshalb für einen Mix aus Geothermie, Photovoltaikanlagen auf Dächern öffentlicher und privater Häuser und Windkraft. «Diese beiden letzten Techniken sind erprobt und vor allem die Panels für Photovoltaikanlagen können von Handwerkern auf der Insel installiert werden», gibt Torres zu bedenken. Er befürchtet auch Verzögerungen durch gerichtliche Klagen gegen Probebohrungen für Geothermie. Noch gebe es nur wenige Photovoltaik-Anlagen auf der Insel. «Aber die stark steigenden Energiekosten tun ihre Wirkung. Wenn erst mal einer eine Anlage auf dem Dach hat, werden die Nachbarn nachdenklich, vor allem, wenn sie die niedrigere Stromrechnung sehen», hofft Torres.

Zunahme der Elektrofahrzeuge belastet das Netz

Bei der Reduzierung des CO2-Ausstoßes dürfe auch der Transportsektor nicht vergessen werden. Er steuere zurzeit etwa 75 Prozent aller Klimagase auf der Insel bei. Auch in diesem Bereich werde der Strombedarf durch immer mehr Elektrofahrzeuge stark steigen, wofür das aktuelle Leitungsnetz nicht ausgelegt sei. «Die Klimaziele für 2030 sind absolut notwendig, aber auch unglaublich schwer zu erreichen», sagt Torres. Nicht nur die Energiequellen müssten sich ändern, sondern auch das Verhalten der Menschen.

Pionier bei der Energieversorgung war die kleine Insel schon viel früher mal. Schon 1893 ging das kleine Wasserkraftwerk El Electrón in Betrieb. In der Inselhauptstadt Santa Cruz de la Palma wurde die öffentliche Beleuchtung auf Strom umgestellt. Nur wenige Städte weltweit, vor allem Metropolen wie etwa New York, Paris, London, Madrid oder Berlin, waren noch früher elektrisch beleuchtet. Jetzt will die Insel, die knapp so groß wie Hamburg ist, auch bei der Energiewende ganz vorn dabei sein.